Fr. Dez 14th, 2018

Baldrian für die Fußballseele

Die Analyse der sportlichen Führung um Joachim Löw und Oliver Bierhoff verfehlt das Problem. Die Konsequenzen fallen halbherzig aus. Statt Feuer und Leidenschaft gibt es weiter Baldrian für die deutsche Fußballseele. Ein Kommentar.

Die mit Spannung erwartete Pressekonferenz des DFB inklusive der umfassend angekündigten Analyse bot wenig Fundamentales. Wie bei den WM-Spielen der deutschen Elf wartete man auch hier vergeblich – auf Überraschungen, echte Leidenschaft oder Verantwortungsgefühl.

Von Stakeholdern und Fannähe
Stattdessen wurde detailliert am Problem vorbeigeredet. Zunächst präsentierte Oliver Bierhoff einen Brei aus marketingtechnischen und ökonomischen Gesichtspunkten, redete von Stakeholdern und Partnern des DFB. Er sprach davon mehr Fannähe zu schaffen, indem man mehrere öffentliche Trainings einbaut – weiter so! Und die Spieler müssen häufiger vor dem Bus Autogramme schreiben – Problem gelöst. Auch die Bezeichnung Die Mannschaft möchte er weiter analysieren – Toll. Spätestens hier wurde klar, dass keine fundamentalen Veränderungen bevorstehen werden.

Detailliert am Problem vorbei
Auch bei der sportlichen Analyse präsentierte Löw viele Details, und dies durchaus selbstkritisch. Viele neue Erkenntnisse konnte man daraus jedoch nicht gewinnen. Weniger Ballbesitzfußball hätte er spielen müssen und schneller nach vorne. Doch die entscheidende Aussage von Löw war, dass er nicht mehr das WM-Feuer in der Mannschaft entfachen konnte. Und damit sind wir beim Kern des Problems. 

Abnutzung statt Taktikfehler
Denn zuallerletzt waren es Fehler in der Taktik oder der Auswahl der Spieler, die zum Ausscheiden bei der WM geführt haben. Joachim Löw hat in 12 Jahren als Cheftrainer der DFB-Elf mehr als bewiesen, dass er das Spiel hervorragend versteht und auch taktisch auf der Höhe ist. Die Spieler, die er zur Verfügung hatte, bringen unabhängig vom System genug Klasse mit um Spiele zu gewinnen – ob mit oder ohne Leroy Sané.

Wenn man ein Turnier gewinnen will, muss man ein Feuer schüren und das muss sich immer mehr vergrößern.

Joachim Löw

Das Problem lag in der fehlenden Leidenschaft, dem Teamgeist, dem Willen. Während ganz Deutschland ein leidenschaftlich kämpfendes kroatisches Team um den Frankfurter Stürmer Ante Rebic bewunderte, brachte Löw’s Team eine ungemein lust- und ratlose Körpersprache auf den Platz. Der Begriff „pomadig“ erlebte Hochkonjunktur. Ob Löw in seiner Mannschaft das erwähnte Feuer noch einmal erzünden kann, scheint fraglich. Denn während ein Trainer Taktik und Spieler einfach tauschen kann, nutzen sich sein Naturell und seine Ansprache gegenüber der Mannschaft irgendwann ab. Das passiert den besten Trainern der Welt. Um dieses Problem zu beheben, bleibt meist nur der Rücktritt.

Konsequenzen: Bauernopfer und Baldrian
Die von Löw und Bierhoff nun präsentierten Konsequenzen klingen jedoch ebenso nach Baldrian-Infusion wie die Spiele der deutschen Elf bei der WM anzusehen waren. Viel „weiter so“ und wenig aufrüttelnde Änderungen. Personell wurden lediglich in zweiter und dritter Reihe ein paar Bauernopfer gebracht. Die Hauptverantwortlichen machen weiter. Ob die Politik der kleinen Schritte Erfolg hat, bleibt trotz alledem Löw nur zu wünschen. Denn die Chance auf einen Neuanfang hat er allemal verdient. Wieder ein Feuer zu entfachen, wird dabei seine größte Herausforderung sein.

Schrammenhans